Von Schönheitsidealen und krummen Bäumen

Schon früh werden wir Menschen und gerade Frauen dazu erzogen nach Perfektion zu streben. Die Medien tun ihr übriges und gaukeln uns vor, dass es erstrebenswert ist, perfekt zu sein. Doch was bedeutet schon perfekt sein?

In das vorgelebt Schema passen, den vorgegebenen Idealen entsprechen. Am Besten von der Schuhgröße bis hin zur Augenbrauenform. Die Individualität bleibt auf der Strecke, das Selbstwertgefühl versteckt sich im Keller. Zu übermächtig sind die Anforderungen und zu selten entspricht man den gesellschaftlichen Vorgaben.

In meinen Naturseminaren für Frauen mache ich daher gerne die Übung, ihre Aufmerksamkeit auf das vermeintlich „im-perfekte“ im Wald zu lenken. Wo siehst du Schönheit in der Unvollkommenheit? Die Natur kennt Harmonie, doch Perfektion? Jede Pflanze und jeder Baum wächst genauso, wie es die Umstände erlauben. Sie holen das Maximum raus und ihr Wuchs erzählt uns die Geschichten ihres Daseins. Und wenn wir ehrlich sind, liegt genau da der Reiz für uns Menschen. Denn in einer Monokultur aus gleichalten Fichten, im gleichen Abstand zueinander, sind wir schnell gelangweilt. Dort verweilt niemand lange.

In einem Seminar entdeckten die Frauen bei dieser Übung eine Stelle, an der die Äste zweier Bäume ineinander gewachsen waren. Sie hatten sich an dieser Stelle wahrscheinlich über eine lange Zeit hin gerieben und sich dann dauerhaft verbunden. Alle waren fasziniert von diesem „Makel“. Perfekter Wuchs? Sicher nicht. Bemerkenswert und außergewöhnlich? Auf jeden Fall! Solche Geschichten schreibt das Leben. Krummer Wuchs, abgebrochene Äste, ungleichmäßige Krone – sie alle erzählen die Geschichte dieses einen Baumes. Und wir sind fasziniert von dem was sie uns berichten.

Den Bäumen verzeihen wir diese vermeintlich fehlerhaften Auswüchse, wir finden sie sogar extrem spannend. Während wir bei uns selbst stets die kritische Brille aufsetzen. Doch das muss nicht so sein. Wenn du das nächste Mal vorm Spiegel stehst und dein Blick auf deine vermeintlichen Makel fällt, denk an die krummen Bäume im Wald. An ihre Geschichte. Und schenke dieser Stelle dann ganz besonders viel Liebe und ein paar extra Streicheleinheiten. Mit der Zeit wirst du vielleicht auch deine eigene Unvollkommenheit mit der gleichen Akzeptanz und sogar Liebe für die Geschichte dahinter betrachten können, wie du es bei einem Baum tun kannst.

„Die Ros ist ohn warum, sie blühet, weil sie blühet. Sie acht‘ nicht ihrer selbst, fragt nicht ob man sie siehet.“
Angelus Silesius

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